Wie digital ist mein Unternehmen?

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Wie digital ist mein Unternehmen?

Die Digitale Transformation verbessert die Produktion und macht ganz neue Geschäftsmodelle möglich. Doch bevor es an die Umsetzung geht, ist eine Reifegradbestimmung sinnvoll, rät Paul Thieme vom Kompetenzzentrum DigITools am Fraunhofer IPA.

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»Haben wir die richtigen Entscheidungen getroffen und sind wir auf einem guten Weg zur Digitalen Transformation?« Diese Fragen stellen sich vermutlich viele Entscheider. Vor allem jetzt, wenn das Umfeld immer turbulenter wird.

Seit vielen Jahren begleitet das Fraunhofer IPA Unternehmen bei der Digitalen Transformation. Für die Einführung und Umsetzung gibt es mehrere Ansätze und Herangehensweisen. Mit neuen digitalen Geschäftsmodellen können mehr Kunden gewonnen werden. Durch Condition Monitoring kann die Produktion verbessert und durch agiles Supply Chain Management die Reaktionszeiten auf Lieferveränderungen deutlich reduziert werden. Die Umsetzung kann top down oder bottum up erfolgen. Bei der Vielzahl der Möglichkeiten geht der Überblick leicht verloren und fällt die Auswahl schwer.

Planungsmethoden für die Digitale Transformation

Sie planen eine grundlegende Digitale Transformation Ihres Unternehmens? Sie möchten den digitalen Reifegrad Ihres Unternehmens ermittelt oder Digitalisierungsprojekte evaluieren, auswählen und koordinieren? Das Fraunhofer IPA führt Industrie 4.0-Planungsprojekte durch und unterstützt bei der Umsetzung der Digitalen Transformation in produzierenden Unternehmen.

Mehr dazu: Planungsmethoden für die Digitale Transformation

Welche Investitionen in die Digitale Transformation sind die vielversprechendsten? Auch diese Frage wird oft gestellt. Damit sie fundiert beantwortet werden kann, empfiehlt sich zuerst eine Standortbestimmung. Auf welcher Reifegradstufe befindet sich das Unternehmen gerade? Nur wer weiß, wo er steht, kann auch aufzeigen, wie er an welches Ziel kommen möchte.

Modelle zur Reifegradbestimmung

Zur Reifegradbestimmung gibt es mehrere Modelle mit verschiedenen Vor- und Nachteilen. Das bekannteste ist sicherlich der VDMA-Werkzeugkasten aus dem Leitfaden Industrie 4.0. Darin wird der digitale Reifegrad der Produkte und Produktion in fünf Stufen unterteilt und auch anschaulich beschrieben. Der Nutzer kann sich anhand von Beispielen selbst einordnen, welchen Reifegrad er schon erreicht hat. Darüber hinaus gibt es verschiedene Readiness Checks der Mittelstandskompetenzzentren und von anderen Anbietern. Meistens beinhalten diese allgemeine Fragestellungen ohne vergleichende Beispiele. Dafür werden in der Regel alle Unternehmensbereiche abgefragt – und damit auch die indirekten Bereiche.

Reifegrad an einem Tag bewerten

Das Fraunhofer IPA hat auf Basis einer Auswahl der bestehenden Reifegradmodelle und der eigenen Projekterfahrung einen umfassenden Bewertungskatalog aufgestellt. Dieser Katalog umfasst die Abläufe im gesamten Unternehmen und bietet für jeden Fragebereich fünf Reifegradstufen mit anschaulichen Beispielen. Der Katalog umfasst insgesamt 70 Fragen aus den Bereichen Unternehmensorganisation, Produktionsprozesse, Produkte und Services, Informationstechnik und Supply Chain Management. Alle Handlungsfelder werden in Sub-Handlungsfeldern genauer beleuchtet. Das hört sich kompliziert und aufwendig an, ist es aber nicht. Alle bisherigen Projekte konnten innerhalb eines Tages durchgeführt werden.

Für welches Unternehmen ist eine Reifegradbewertung sinnvoll?

Aus unternehmerischer Sicht ist es durchaus sinnvoll, einen Tag Zeit zu investieren, um von Experten eine Reifegradbestimmung durchführen zu lassen. Idealerweise wird die Bewertung zu Beginn der Digitalen Transformation durchgeführt. Die meisten Unternehmen haben diesen Meilenstein aber schon überschritten. Trotzdem ist eine Reifegradbewertung sinnvoll. Mit den Ergebnissen kann der aktuelle Projektstand dokumentiert werden und die bestehende Roadmap verifiziert werden. Alle Unternehmen, die sich schon in der Digitalen Transformation befinden und keine Roadmap haben, sollten auf jeden Fall eine Reifegradbewertung durchführen.

Digitalen Ist-Zustand feststellen

Zu Beginn der Bewertung gehen die Experten des Fraunhofer IPA durch das Unternehmen und erhalten so einen Einblick in die Produktionsabläufe aber auch der Organisation der indirekten Bereiche. Anschließend wird die Reifegradbewertung in Form eines Workshops durchgeführt, der vom Fraunhofer IPA moderiert wird. Entscheidend ist, wer am Workshop teilnimmt. Ein repräsentativer Querschnitt von Unternehmensvertretern aus allen Bereichen wäre ideal. So können alle Fragen aus dem Fraunhofer Readiness Check auf demselben Bewertungsniveau beantwortet werden. Das Workshopergebnis stellt den digitalen Ist-Reifegrad des Unternehmens dar.

Unternehmensbereiche mit größten Verbesserungspotenzialen priorisieren

Auf Basis der transparenten Darstellung des Ist-Zustands sollte zuerst priorisiert werden, in welchen Unternehmensbereichen das größte Verbesserungspotenzial liegt. Dabei müssen nicht immer digitale Lösungen implementiert werden. Oft reicht es, die Prozesse besser zu organisieren oder einfache Lean- oder Qualitätsmanagementprinzipien einzuführen. Häufig sind diese Verbesserungen die Vorstufe für eine spätere digitale Lösung. Der Charme des Fraunhofer Readiness Checks liegt darin, dass die Potenziale aufgezeigt und Verbesserungen anhand der Beispiele aus dem Katalog gemeinsam entwickelt werden können. Die Lösungen werden als Use Cases beschrieben und mit einer klaren Verantwortlichkeit und Terminierung dokumentiert.

Kennzahlen für Use Cases machen Veränderungen sichtbar

Vorrangig sollten den Use Cases auch eine oder mehrere Kennzahlen zugeordnet werden, um die Veränderung über die Zeit kontrollieren zu können. Wenn es noch keine passende Kennzahl gibt, muss diese neu entwickelt werden. Abschließendes Ziel ist die Beschreibung des Soll-Zustandes für den ausgewählten Use Case und der Aufbau einer Roadmap für die Digitale Transformation für alle Use Cases.

Durch Roadmap zum Projektplan

Mit Hilfe der Roadmap werden die einzelnen Use Cases zu einem verbindlichen Projektplan gebündelt. Dabei kann auch dargestellt werden, welche Aktivitäten von der Erfüllung andere Uses Cases abhängig sind. Nun sind die Entscheider im Unternehmen in der Lage, alle Anstrengungen für die Digitale Transformation transparent darzustellen und den Projektplan- und die Ziele im Unternehmen zu kommunizieren. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, den Projektfortschritt anhand der Kennzahlen zu bewerten.

Analyse und Erfolgsbewertung

Der entscheidende Vorteil einer umfassenden Reifegradbewertung nach dieser Vorgehensweise ist die fundierte Analyse des digitalen Ist-Reifegrads eines Unternehmens. Idealerweise wird diese Bewertung initial vor dem Start der digitalen Verbesserungsprojekte durchgeführt. In diesem Fall können die Bewertungsergebnisse für die Entwicklung einer Roadmap verwendet werden. Außerdem erhalten die Entscheider eine Grundlage für Investitionsentscheidung sowie Kennzahlen zur Erfolgsbewertung.

Reifegradbewertung während Digitalisierungsprojekten

Eine digitale Reifegradbewertung nach Vorgehensweise des Fraunhofer IPA kann auch angewendet werden, wenn die ersten Digitalisierungs-projekte schon begonnen haben. Dann dienen die Ergebnisse dazu, festzustellen, ob die richtigen Projekte initiiert wurden und wie deren Performance ist. Bei Auffälligkeiten kann dann korrigierend eingegriffen werden.

Gleichgültig, wo auf dem Weg der Digitalen Transformation sich das Unternehmen befindet: ein Tag zur digitalen Reifegradbewertung ist eine lohnende Investition!

Ihr Ansprechpartner

Dr.-Ing. Paul Thieme

Mitarbeiter der Gruppe Umsetzungsmethoden für die digitale Produktion
Telefon: +49 711 970-1116