Einzigartig (über)leben

Mathias Haas

Mathias Haas (Alle Fotos: Mathias Haas – DER TRENDBEOBACHTER)

Einzigartig (über)leben

Neue Rollenbilder braucht das Land, Menschen sollen zeitgemäß geführt werden und die zukünftigen Unternehmenskulturen müssen fühlbarer werden. Nur damit lässt sich die vielzitierte Innovationskraft wiederbeleben. Davon ist Trendbeobachter Mathias Haas überzeugt. Ein Kommentar.

Veröffentlicht am 18.10.2023

Lesezeit ca. 7 Minuten

Haben Sie Angst? Oder Respekt? Oder zumindest große Fragezeichen, wenn Sie das Wort Arbeitskräftemangel hören? Ja, Arbeitskräfte, denn es geht quasi um jede Rolle, jeden Job. Nicht nur um Fachkräfte.

Oder eher nicht? Dann legen Sie jetzt dieses Magazin beiseite und genießen Sie ein kühles Getränk Ihrer Wahl. Es kann allerdings sein, dass Sie – sofern Sie nicht alles am Stück runterschütten – schon betroffen sein könnten, bevor das Getränk entweder leer oder warm ist.

Klingt böse, ein bisschen nach dem sprichwörtlichen Untergang des Abendlandes?

Im Gegenteil! Wir erleben es doch jeden Tag: Bei der Aufzugsreparatur in vier Monaten, bei den täglichen fünf Minuten zuwendungsreduzierter Pflege unserer Angehörigen oder beim Zwangsgeld der Finanzverwaltung, weil der Steuerberater einfach kein Personal findet, um den Fall rechtzeitig zu bearbeiten. Geschweige denn Auszubildende.

Es scheint müßig, darüber zu philosophieren, wo die ganzen Leute, die es ehedem gab, denn so hin sind. Obwohl … Bereits ein Blick auf die Demografie zeigt: Die geburtenstarken Jahrgänge scheiden langsam aber sicher aus dem Berufsleben aus.

Das ist erst der Anfang!

Hinzu kommt eine steigende Unzufriedenheit mit den aktuellen Arbeitsbedingungen, gepaart mit dem Wunsch, vielleicht nur noch vier Tage in der Woche zu arbeiten. Nicht etwa, um am fünften Tag Zeit für einen anderen Job zu haben. Sondern weil sich die Menschen überlastet fühlen und stockende Prozesse ihnen die Freude am Arbeiten vermiesen.

Genauso wie die anscheinend unangemessene Bezahlung und fehlender Sinn »bei der ganzen Veranstaltung«. An den Arbeitsstunden kann man die Überlastung jedenfalls nicht ablesen: Da liegen wir in Deutschland mit rund 1300 Jahresstunden am hinteren Ende in Europa. Nachbarn wie Österreich (etwa 1700 Stunden) oder Polen (etwa 2000 Stunden) legen die Latte höher. Ist es unsere hohe Produktivität, die den Menschen zu viel abverlangt? Mag sein. Oder liegt es an den Führungskräften, die mehr absichern als gestalten?

Was brauchen wir? Mehr Motivation! Wo? Überall!

Sicher, bezahlte Weiterbildungen, mobiles Arbeiten und Arbeitsbedingungen, die eine bessere Work-Life-Balance versprechen, können durchaus motivierend sein (vergleiche Obstkörbe). Das Gefühl des zeitgemäßen Arbeitsumfeldes muss her, und zwar auch fühlbar für jene, die sich neu für ein Unternehmen oder einen Beruf entscheiden sollen oder wollen.

Wie sonst erklärt man dem Nachwuchs, dass man mit einer Ausbildung zum Maschinenbauingenieur oder Bäcker einen wirklich sinnstiftenden und spannenden Beruf erlernen kann, wenn doch der Filius den Nachbarn jeden Tag zwischen 11 und 16 Uhr mit Kaffee und Laptop auf dem Balkon im Homeoffice arbeiten sieht? Menschen lieben zwar Büros, aber nicht das Pendeln. Also leben wir mit dieser neuen Realität.

Klar: Weniger arbeiten bei gleichem Lohn würde die Motivation erhöhen. Fragt sich, wie lange. Denn wenn Herr X und Frau Y 20 Prozent seltener ins Büro oder ans Band kommen: Wer macht dann die liegen gebliebene Arbeit? Die anderen? Die kommen aber auch 20 Prozent seltener zur Arbeit. Blöd, nicht wahr?

Auch Machtverhältnisse ändern sich.

Und zwar schnell. Gewerkschaften und Belegschaften haben ihr Gewicht längst wiederentdeckt. Wenn Unternehmen wie die Lufthansa mit Gehaltserhöhungen von 18 Prozent – durch diverse Zusatzeffekte sind es über die Jahre gerechnet sogar zwischen 25 und 50 Prozent – ihre Piloten bei der Stange zu halten versuchen (Zustimmungsquote zum Tarifabschluss gerade mal 65 Prozent) oder in den USA Tarifrunden mit saftigen Aufschlägen durchgewunken werden, müsste jeder Unternehmer im Lande so langsam begriffen haben, was das Stündlein geschlagen hat. Aber ja: Geld motiviert.

Wer hat es also in der Hand? Derjenige, der schon immer in unserem Land Garant für Arbeit und Wohlstand war: Der Unternehmer. Die Führungskraft.

Der Kampf um die verfügbaren Köpfe und Hände hat längst begonnen. Noch wichtiger: Er wird noch deutlich dramatischer, denn Demografie lügt nicht. Im Gegenteil, es gibt kaum stabilere Daten. Nur die Einwanderung ist schwer zu greifen, und Politik noch schwerer.

Zur Person

Mathias Haas

Mathias Haas und sein Team realisieren Zukunftsbegleitung. Als DER TRENDBEOBACHTER identifiziert, bewertet und verdichtet er die großen Megatrends im Hier und Jetzt. Mit diesem Wissen unterstützt Haas Organisationen unterschiedlichster Art. Seine Überzeugung: Jedes Unternehmen braucht eine »eigene Zukunft«. Genau diese wird in der Play Serious Akademie entwickelt und begleitet.

Unternehmen werden Aufträge ablehnen, weil das Team für die Bearbeitung fehlt. Komplett. So wird der willige Kunde plötzlich zum Problem. Die ersten Anzeichen spürt man heute schon, wenn man den »Kunden erziehen« muss und die Ausschreibung auch gerne mal schlechtgeredet wird.

Führungskräfte, die sich jetzt ausruhen, werden untergehen.

Sie machen die Arbeit selber oder gar nicht. In der Folge verliert erst das Unternehmen, dann die Gesellschaft. Wo gehen die Menschen denn hin, wenn sie einen neuen Job suchen? Nicht dahin, wo sie gebraucht werden, sondern dorthin, wo sie sich wohlfühlen und viel verdienen. Manchmal reicht eines von beidem, oft jedoch nicht.

Personalmanagement steht also zukünftig für absoluten Überlebenskampf. Jede Organisation braucht einen Plan. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten quasi schon prophylaktisch eingestellt werden. Unternehmen wie Carglass machen heutzutage sogar Rehiring: Aktuell läuft ein Radiospot, der darauf hinweist, dass man gerne auch zurückkommen darf.

Menschen müssen endlich zeitgemäß geführt werden. Doch das ist alles andere als trivial. Insbesondere wenn die Führungsriege »die klassischen Methoden« liebt und konsequent die eigene Rente anvisiert.

Wir brauchen eine Unternehmenskultur, bei der man fühlen kann: »Ihr seid hier willkommen. Ihr braucht keine Angst zu haben vor Künstlicher Intelligenz. Sie nimmt euch nicht euren Arbeitsplatz weg, sondern sie entlastet euch«.

Wir brauchen Wertschätzung für die Arbeit des Einzelnen, die sich nicht nur in Worten, sondern durch Taten ausdrückt – so wie bei einigen neuen Handwerksbäckern, die die Arbeitszeiten in der Backstube »humanisiert« haben.

Wenn fühlbar wird, dass der Einzelne wichtig ist, dann kommt sie zurück, die Freude und die Motivation, jeden Tag wieder das Beste zu geben.

Wer soll das bezahlen?

Sicher, all das kostet Geld. Und das muss erst einmal verdient werden. Deshalb ist gut beraten, wer sich konsequent Gedanken über das eigene Alleinstellungsmerkmal macht. Ambitionslosigkeit ist kein Geschäftsmodell (mehr). Durchschnittliche Produkte und Dienstleistungen reichen für derartige »All-inclusive-Pakete« sicherlich nicht. Dazu hat sich die allgemeine Lage viel zu sehr verändert.

Bessere Produkte, zielgruppengenauere Produkte, innovativere Produkte und natürlich Dienstleistungen – und damit eine höhere Rendite pro Kunde. Alleinstellungsmerkmale sind Trumpf und die einzige Lösung. Lassen Sie uns die vielzitierte Innovationskraft wiederbeleben. Auf dass wir durch kundenorientierte Lösungen zukunftsfit bleiben oder wieder werden. Im Wettbewerb am Markt für mehr Rendite. Und im Wettbewerb um jenes Personal, das wir auch in Zukunft so dringend brauchen werden.

Um einen plakativen Vergleich zu bemühen: Wollen Sie und Ihr Unternehmen sich wie die Fußballer der deutschen Nationalmannschaft fühlen? Der Ort, an dem Loyalität über Performance zu stehen scheint, wo alte Seilschaften und Beziehungen der Goldstandard sind? Oder eher wie unsere Basketballer, die in Manila Weltmeister wurden? Haben letztere geschuftet, gekämpft? Ganz sicher. Sich in Frage gestellt? Gerungen? Untergeordnet – selbst als Superstar? Hat es sich gelohnt? Für mich jedenfalls war das Zuschauen ein echter Wahnsinn.

Also: Wir haben die Wahl. Nutzen wir sie!

Ihr Ansprechpartner

Mathias Haas

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