Die Kontaktlinse fürs Ohr

Hörkontaktlinse

Nicht größer als ein Knopf: die Hörkontaktlinse®, Kerntechnologie des Hörsystems Vibrosonic alpha. (Quelle: Vibrasonic)

Die Kontaktlinse fürs Ohr

Um Schwerhörigen ein besseres Leben zu ermöglichen, hat ein Mannheimer Start-up eine neuartige Hörhilfe entwickelt, deren Lautsprecher direkt auf dem Trommelfell aufliegt. Die Klangqualität dieser Hörkontaktlinse® übertrifft die bisheriger Hörsysteme.

Veröffentlicht am 8.7.2021

Lesezeit ca. 4 Minuten

Etwa 15 Millionen Deutsche sind schwerhörig, schätzt der Deutsche Schwerhörigenbund. In vielen Fällen können Hörhilfen das Hörvermögen verbessern und den Alltag der betroffenen Menschen erleichtern. Bei gängigen Hörgeräten sitzt der Lautsprecher im Gehörgang des Trägers. Daraus resultierende akustische Verzerrungen können die Klangqualität beeinträchtigen. Das Mikrofon befindet sich hinter dem Ohr und ist dadurch anfällig für Störgeräusche wie etwa Wind.

Mit einer neuartigen Hörhilfe will das Mannheimer Start-up Vibrosonic diesen Nachteilen entgegenwirken. Dominik Kaltenbacher und Jonathan Schächtele, die beide an der Fraunhofer-Projektgruppe für Automatisierung in der Medizin und Biotechnologie PAMB geforscht haben, sowie Ernst Dalhoff von der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde Tübingen haben das Unternehmen 2016 ausgegründet. Heute zählt Vibrosonic 30 Mitarbeiter.

Gründer Vibrasonic
Die Gründungsmitglieder von Vibrosonic: Jonathan Schächtele, Ernst Dalhoff und Dominik Kaltenbacher (von links). (Quelle: Vibrasonic)

Störgeräusche und Rückkopplungen werden weitgehend vermieden

Die erste, CE-zertifizierte Hörlösung Vibrosonic alpha besteht aus drei Komponenten: der Hörkontaktlinse®, einem Gehörgangsmodul und einem Hinter-dem-Ohr-Modul. Hörkontaktlinse® und Gehörgangsmodul verbleiben fest im Gehörgang, das Hinter-dem-Ohr-Modul kann flexibel abgenommen werden. Mit der Hörkontaktlinse® sitzt der Lautsprecher nicht im Gehörgang, sondern auf dem Trommelfell. Schwingungen überträgt sie ohne Luftschall direkt auf die Gehörknöchelchen. Die Klangübertragung erfolgt durch direkte mechanische Stimulation des Gehörs. Dadurch kann das natürliche Hören weitgehend nachempfunden werden.

Hörkontaktlinse®, Lautsprecher und eine der drei Komponenten der Vibrosonic alpha sind in der Lage, Klänge im gesamten hörbaren Frequenzbereich von unter 80 Hertz bis deutlich über 12 000 Hertz zu verstärken. Klassische Systeme hingegen können dies nicht. Aufgrund der Unterschiede in der Trommelfellform fertigt das junge Unternehmen die Hörkontaktlinse® für jeden Patienten individuell. Dazu wird der Vibrosonic-Aktor, ein piezoelektrischer Mikrolautsprecher in eine Silikonform eingegossen.

»Da unsere Hörkontaktlinse® direkt auf dem Trommelfell getragen wird – wie eine Kontaktlinse auf dem Auge – können sehr tiefe und besonders hohe Töne sehr gut verstärkt, und störende Geräusche durch Rückkopplungen prinzipbedingt weitgehend vermieden werden. Die tiefen Töne sind beispielsweise beim Genuss von Musik entscheidend, weil der Klang dadurch satter wird. Hohe Töne gut hören zu können, ist für das Sprachverstehen wichtig, denn die codierten Obertöne machen den Charakter einer Stimme aus«, erläutert Geschäftsführer Kaltenbacher.

Schaubild Funktionsweise Hörkontaktlinse
Die Hörkontaktlinse® und das Gehörgangsmodul werden mit dem Klangprozessor, der hinter dem Ohr getragen wird, verbunden. Dieser kann flexibel abgenommen werden und umfasst neben der Signalverarbeitungselektronik auch die Batterie. Gehörgangsmodul und Hörkontaktlinse® verbleiben fest im Ohr. (Quelle: Vibrasonic)

Tausendmal kleiner als ein menschliches Haar

Bei hochgradiger Schwerhörigkeit oder extremer Miniaturisierung stoßen herkömmliche Hörgeräte aufgrund von Rückkopplungs- und Verzerrungseffekten an ihre Grenzen – verursacht durch Leistungsgrenzen der seit jeher verwendeten Spulen-Lautsprecher. »In der Hörkontaktlinse® verwenden wir den weltweit ersten Hörgerätelautsprecher, der konsequent mit den Methoden der Mikrosystemtechnik entwickelt und realisiert wurde, den sogenannten Vibrosonic-Aktor. Einzelne Strukturen des Vibrosonic-Aktors sind tausendmal kleiner als die Dicke eines menschlichen Haars. Trotz kleinster Abmessungen verfügt er über überragende audiologische Eigenschaften«, so Kaltenbacher.

Erste Studien mit wenigen Probanden haben gezeigt, dass Vibrosonic alpha das Klangerlebnis von Menschen mit leichter bis mittelgradiger Hörschädigung verbessern kann. Das System eignet sich für Patienten ab 18 Jahren und kann sowohl auf einem als auch auf beiden Ohren getragen werden, je nach individuellem Hörverlust. Geplant ist aber, alle derzeitigen Hörsystemkomponenten derart zu miniaturisieren, dass sie im Gehörgang verschwinden und unsichtbar sind.

Ihr Ansprechpartnerin

Jörg-Dieter Walz

Mitarbeiter der Gruppe Marketing und Kommunikation
Telefon: +49 711 970-1667